Strohhalme, Taschenmesser und Dankbarkeit

Ich war vor ein paar Tagen mal wieder in München. Es war Sonntag Abend und ich wollte noch schnell etwas essen, also ging ich in ein Fast-Food-Restaurant im Hauptbahnhof. Ich weiß, eklig eklig, aber ich hielt das für eine gute Idee.

Dort angekommen war es knackevoll. Ich bestellte mir was und nachdem ich bezahlt habe wurde gleich neben mir ein Vierer frei. Da setzte ich mich natürlich sofort hin.

Es dauerte nicht lange und es kamen zwei Jugendliche auf mich zu, ich schätze nicht älter als 15. Sie trugen beide Schirmmützen und so Jacken, die aussehen wie aufgeblasen (es war an dem Tag sehr kalt). Außerdem hatten beide ein Tablett in der Hand. Sie unterschieden sich einzig darin, dass einer der beiden die ganze Zeit über nichts gesagt hat, aber ich greife vor.

Der eine fragte mich, ob bei mir noch Platz sei und ob sie sich dazu setzen dürften. Ich sagte, das sei kein Problem und so saßen sie mir gegenüber. Mir ist aufgefallen, dass der eine (der mit der Stimme) auf seinem Tablett drei Burger, dreimal Pommes, drei Getränke und zwei Eisbecher hatte. Auf dem Tablett des anderen befand sich nichts. Er bedankte sich höflich bei mir und sagte dem anderen, er solle Strohhalme besorgen, und zwar genau drei. Der andere ging los, kam schnell wieder und brachte 4 Strohalme mit. Der eine fragte, warum er vier statt drei mitgebracht hat, bekam aber natürlich keine Antwort. Das passte mir jedoch wunderbar, denn ich hatte gar kein Strohhalm. Ich war so froh über meinen Platz, dass ich nicht nochmal aufstehen wollte, um einen zu besorgen. Sowieso, warum ist das so strickt voneinander getrennt? Getränk und Strohhalm? Das ist doch bescheuert.1 Ich fand das jedenfalls super und wer weiß, woran es lag – an der bayovarischen Luft, an der Musik, ich weiß es nicht – jedenfalls tat ich etwas, was ich eigentlich nie tun würde. Ich nahm mir den vierten Strohhalm, sagte so etwas wie „Den nehme ich!“ und steckte ihn in mein Getränk.

Der mit der Stimme gab dem anderen einen Burger. Danach bedankte er sich bei mir dafür, dass sie hier sitzen dürfen. Er fing an, seine drei Portionen Pommes auf seinem Tablett auszukippen. Dabei sagte er zu sich selbst, dass die Pommes hier am besten schmecken würden. Viel besser jedenfalls als gegenüber im anderen Fast-Food-Restaurant. Ich musste schmunzeln, da mir der Unterschied auch schon aufgefallen ist. Das hat er bemerkt und sagte laut, dass man die gegenüber ja nicht fressen könne. Danach bedankte er sich wieder dafür, dass sie beide hier sitzen dürfen.

Irgendwann nahm er dann eine dieser kleinen Ketchuptüten vom Tablett und versuchte, sie zu öffnen. Das klappte überhaupt nicht, wahrscheinlich wegen seiner pommesbedingten Fettfinger. Ich sah mir das eine Weile an, dann bekam ich Mitleid. Ich griff in meinen Rucksack, holte ein Taschenmesser hervor und gab es ihm wortlos. Er nahm es ebenso wortlos an. Mein Mitleid nahm jedoch noch zu, da er es nicht schaffte, das Messer aufzuklappen. Seine Übung darin war klein oder nicht vorhanden, aber sein Ehrgeiz war groß, deshalb klappte es am Ende doch noch. Er schnitt die Tüte mit dem Messer auf, wobei sich allerdings nicht wenig Ketchup auf der Klinge verteilte. Das kam mir langsam alles so absurd vor – das ständige Bedanken, die Mengen an Essen, die sonstige Wortlosigkeit und nun auch noch das wie mit Blut beschmierte Messer, dass ich fast laut losgelacht hätte. Er machte das Taschenmesser dann sauber und gab es mir wieder ohne Worte zurück. Ich nahm es, steckte es ein und kurz darauf nahm ich meine Sachen. Bevor ich losgehen konnte, bedanke er sich knapp für das Messer. Ich nickte und verabschiedete mich mit einem „Na dann …“.

Diese ganze Geschichte blieb mir aus verschiedenen Gründen im Gedächtnis. Ich ziemlich unsozial und hier wurde ich mit fremden Menschen konfrontiert. Das läuft eigentlich fast immer auf seltsame Situationen hinaus, nach denen ich mich frage, was ich hätte anders machen können. Hier aber bin ich irgendwie richtig zufrieden. Ich weiß nicht, ob ich so cool rüberkam wie ich mich dabei gefühlt habe mit meinem Strohhalm und meinem Messerchen, aber ich glaube, das war ein schöner Moment. Und so ganz dicht waren die anderen beiden auch nicht.


  1. Jaja, werden einige Leute jetzt sagen, die Strohhalme – oder besser gesagt Trinkröhrchen – befinden sich an extra dafür vorgesehenen Stationen, zusammen mit Papiertücher und einer schrecklichen Kinozeitschrift. Das ist automatisch die erste Anlaufstelle, nachdem man seine Bestellung bekommen hat, damit die Mitarbeiter nicht aufgehalten werden, da noch Trinkröhrchen und Papiertücher zu sortieren und die Zeitung würde ja dann auch keiner lesen. Selbst schuld, wenn du dir schon vorher den erst besten Platz sichern musst! Das stimmt, allerdings befinden sich die Papiertücher nicht bei besagter Station, sondern direkt in der Kassentheke und es war wie gesagt super voll und überhaupt auf welcher Seite steht ihr überhaupt? ↩︎

DAE …? 

Je länger man über gewisse Sachen nachdenkt, desto seltsamer werden sie. Es gibt zum Beispiel gewisse Wörter, die immer komischer werden, je länger ich sie im Kopf habe. Gemüse ist so ein Wort. Gemüse Gemüse Gemüse. Was soll das? Ist das ein richtiges Wort oder habe ich mir das gerade ausgedacht? Und wenn nicht ich, wer dann? Oder Ersterbender. Neulich erst gelesen.

Eigennamen sind da natürlich noch eine Ecke schärfer. Ich habe da das Glück, aus Eberswalde zu kommen. Das hat als Wappen zwei Wildschweine und eine Eiche. Klare Sache, woher der Name kommt, da werden wirklich alle Fragen beantwortet, bevor man überhaupt welche stellen kann. Aber was ist mit Castrop-Rauxel? Vielleicht bin ich da ignorant, aber das kann ich mir nicht erklären. Nicht, das ich das müsste, ich frage mich das ja bei Leipzig oder so auch nicht. Trotzdem kann ich mich über Castrop-Rauxel nicht nicht wundern. Ich denke, Castrop klingt wie eine Firma in einer dystopischen Zukunft, die monopolmäßig alles kontrolliert. Rauxel hingegen hört sich für mich wie eine Art Nagetier an.

Als Teenager dachte ich immer, ich wäre der einzige, der ständig nachdenken muss. Ich dachte, ich wäre super speziell und das wäre Segen und Fluch zugleich. Wie sehr wünsche ich mir, meine Gedanken einmal abzuschalten und an gar nichts zu denken. Später habe ich dann gelernt, dass das wohl allen Menschen so geht, selbst den hohlsten. Das war ernüchternd und erleichternd und seitdem halte ich mich mit Sätzen, die mit „Bin ich der einzige, der …“ beginnen stark zurück. Im Internet lese ich das ständig, ja es gibt sogar die etablierte Abkürzung „DAE“ (Did anyone ever …). Die Antwort darauf ist immer nein, du bist nicht der einzige bzw. ja, irgendjemand sieht das genau wie du.

Apropos zu lange Gedanken machen. Ich wundere mich über Läden, die „Geschenke“ als Sortiment angeben. Was soll das sein? Sagt man sich, oh, XY hat Geburtstag und ich brauche noch ein Geschenk. Wo könnte ich besser eins bekommen als im Geschenkeladen? In so einem Laden kann mich alles und nichts erwarten, denn alles kann ein Geschenk sein. Meistens gibt es aber Schnulli. Man sollte sie in Schnulliläden umbenennen. Geschenke ist so nichtssagend. Schlimmer ist nur noch „Blumen und Geschenke“ oder „Geschenke und Getränke“. In diesem Läden bestehen die Geschenke wiederum aus Blumen oder Getränke. Das wäre so, als würde ein Supermarkt „Lebensmittel und Gemüse“ anpreisen. Bin ich der einzige, der so darüber denkt?

Kaffee aus dem Blumentopf

Ich befinde mich in einem Urlaubsort, den ich nicht näher benennen kann. Es ist dunkel und es regnet. Das Kopfsteinpflaster ist nass und reflektiert gelbes Licht von Gaslaternen. Eine enge Gasse führt mich in ein rustikales Restaurant. Die Einrichtung ist aus Holz, die Wände sind aus Feldsteinen. Es ist gut gefüllt, aber ich finde einen leeren Tisch für zwei Personen an einem Fenster. Ich setze mich nicht auf einen der beiden Stühle, sondern auf die Fensterbank. Meine Füße stelle ich auf den Tisch ab.

Die Bedienung kommt, ich bestelle eine Tasse Kaffee. Am Nebentisch sitzen vier ältere Damen, die sich angeregt unterhalten.

Ich bekomme den bestellten Kaffee. Die Tasse ist winzig und hat keinen Henkel. Sie sieht aus wie ein kleiner Blumentopf. Ich muss sofort bezahlen. Der Kaffee kostet 4,30 Euro. Ich öffne meinen Geldbeutel und wühle durch die Münzen, entscheide mich dann aber für einen Fünf-Euro-Schein. Die Bedienung winkt ab und gibt mir zu verstehen, dass sie Münzen bevorzugt. Sie möchte genau 4,30 Euro. Ich bin verwirrt, wühle nochmal in meinem Kleingeld und lege Münze für Münze auf den Tisch, in der Hoffnung, dass sie irgendwann Stopp sagt. Dabei werde ich immer nervöser und erzähle ihr, dass ich vier Semester Mathematik studiert habe. Warum, weiß ich nicht. Sie lacht mitleidig. Ich könnte im Erdboden versinken. Dann nickt sie ab und nimmt das Geld. Aus einem mir unbekannten Grund kommt die Bedienung in Plauderlaune. Sie muss mir ansehen, dass ich hier zu Besuch bin und fragt mich, ob ich schon weiß, was ich mir als nächstes in der Stadt ansehen wolle. Ich sage ihr, ich weiß es nicht, was auch stimmt. Sie sagt, ich habe Glück. Momentan sind die vollpfeifer Zwangsärzte in der Stadt, die soll ich unbedingt mal besuchen.

Das klingt in diesem Moment plausibel. Dann geht sie wieder weg. Ich höre die Damen am Nachbartisch sagen, dass Mädchen heute viel mehr Möglichkeiten haben.

Dann wache ich auf. Was für ein Schwachsinn. Vier Semester Mathe? Das ist doch total übertrieben!